Teurer Wohnen in Göttingen? Private Investoren erwerben Studentenwohnheim
Das BSW in Göttingen erreichte eine Information und Anfrage, die wir nachfolgend im Original wiedergeben (siehe unten). Wir begrüßen solche Recherchen und Initiativen engagierter Menschen ausdrücklich und sind dankbar, wenn Ihr uns Informationen zusendet.
Hier wird gezeigt, wie private Investoren daraus Profit ziehen, dass der Universität und dem Studentenwerk offenbar nicht mehr ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, um bezahlbaren Wohnraum zu erhalten und weiter kostengünstig an Studierende zu vermieten. Auch die Stadt bleibt tatenlos. So geht ehemals günstiger Wohnraum zum Schleuderpreis an Investoren, die daraus Renditeobjekte machen und Wohnraum weit oberhalb ortsüblicher Vergleichsmieten anbieten - mit Quadratmeterpreise jenseits der 20 - 30 € für ein winziges Zimmer. Die Wohnungsnot in Göttingen, u.a. bei Studierenden, wird ausgenutzt.
In unseren wohnungspolitischen Positionen für Göttingen wenden wir uns genau gegen solche Profitmacherei auf Kosten derer, die dringend auf günstigen Wohnraum angewiesen sind. Die Stadt Göttingen und die städtische Wohnungsbau müssen hier endlich tätig werden, und Universitäten und Studierendenwerke müssen genauso wie Schulen und Bildungseinrichtungen von Land und Bund endlich mit ausreichenden Mitteln ausgestattet werden, anstatt dass immer mehr Geld und Ressourcen in Aufrüstung und Waffensysteme fließen.
Wir werden uns bemühen, weitere Informationen zu dem beschriebenen Vorgang zu erhalten und unsere Erkenntnisse hier ebenfalls öffentlich machen.
Zuschrift im Original:
Hallo liebe BSW Göttingen,
ich möchte euch auf die Entwicklung des ehemaligen Studentenwohnheims in der Humboldtallee 14 in Göttingen aufmerksam machen. Ich finde den Fall bemerkenswert, weil sich hier sehr konkret zeigen lässt, welche Folgen die Privatisierung ehemals vergleichsweise günstigen Wohnraums haben kann.
1. Die Universität bot das Gebäude 2022 zu einem außergewöhnlich niedrigen Preis zum Verkauf an.
Die Humboldtallee 14 wurde 2022 von der Universität Göttingen zum Verkauf ausgeschrieben. Laut dem damaligen Exposé verfügt das Grundstück über 1.467 m², das Gebäude über rund 720 m² Wohnfläche und wurde zu diesem Zeitpunkt als Studentenwohnheim mit 25 Wohneinheiten genutzt. Die Kaufpreisvorstellung lag bei lediglich 870.000 Euro.
Bezogen allein auf die angegebene Wohnfläche entspricht das einem Preis von nur etwa 1.208 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche.
Zum Vergleich: ImmoScout24 gibt für Göttingen für das zweite Quartal 2022 einen durchschnittlichen Angebotspreis für Häuser von rund 4.292 Euro/m² an; für die Oststadt waren es sogar rund 5.507 Euro/m². Der Quadratmeterpreis der Humboldtallee 14 lag damit rechnerisch rund 72 % unter dem damaligen Göttinger Durchschnitt bzw. sogar rund 78 % (!!!!) unter dem Durchschnitt der Oststadt. Natürlich ist dieser Vergleich nur eine grobe Einordnung – unter anderem, weil es sich um ein großes Mehrfamilienhaus mit Renovierungsbedarf handelte. Dass die Immobilie inklusive eines 1.467-m²-Grundstücks in dieser zentralen Lage zu diesem Preis angeboten wurde, ist dennoch auffällig. (ImmoScout24)
Das damalige Exposé beschreibt selbst eine sehr zentrale Lage in unmittelbarer Nähe des Universitätscampus und eine grundsätzlich solide Gebäudesubstanz, allerdings mit „Unterhaltungsstau und Renovierungsbedarf in allen Ausbaugewerken“.
2. Heute werden dort Zimmer für bis zu 850 Euro angeboten.
Inzwischen wurde das Gebäude umfassend saniert und wird erneut als Studentenwohnheim vermarktet. Die aktuelle Anzeige wirbt mit „Humboldt | 14 – Erstbezug Studentenwohnheim WS26“ und nennt Zimmerpreise ab 450 Euro. In den beigefügten Grundrissen finden sich je nach Zimmer Preise von 450 bis 850 Euro pro Monat.
Die Anzeige beschreibt dabei unter anderem möblierte Zimmer, Einzelapartments sowie 3er-, 4er-, 5er- und 6er-WGs. Teilweise handelt es sich um relativ kleine Zimmer; beispielsweise wird in der Anzeige ein 12-m²-Zimmer für 450 Euro angeboten. Die aktuelle Anzeige ist hier zu finden:
WG-Gesucht-Anzeige Humboldtallee 14
Da solche Anzeigen jederzeit geändert oder gelöscht werden können, habe ich die aktuelle Version zusätzlich als PDF unter „aktuelle_Preise“ beigefügt.
3. Vor der Privatisierung kosteten Zimmer teilweise nur 227 Euro, und es gab Wohnraum für Familien.
Besonders deutlich wird die Veränderung im Vergleich mit den früheren Preisen. Noch in den früheren Wohnheimangaben wurden Einzelzimmer mit 11–24 m² für 227 bis 271 Euro pro Monat angeboten. Zimmer in Zweier-Gruppenwohnungen kosteten 234 bis 244 Euro. Darüber hinaus wurden Familienwohnungen für 600 Euro vermietet.
Damit hat sich nicht nur das Preisniveau grundlegend verändert. Auch die soziale Funktion des Gebäudes scheint eine andere geworden zu sein: Wo zuvor sehr günstige Zimmer und ausdrücklich auch Wohnraum für Familien angeboten wurden, besteht das heutige Konzept laut aktueller Vermarktung im Wesentlichen aus Einzelapartments und WGs mit bis zu sechs Personen. Familienwohnungen, wie sie früher angeboten wurden, sind in der aktuellen Aufteilung nicht mehr erkennbar.
Gerade in einer Universitätsstadt mit angespanntem Wohnungsmarkt halte ich diese Entwicklung für problematisch. Günstiger Wohnraum für Studierende – insbesondere auch für Studierende mit Kindern und Familien mit geringem Einkommen – ist hier verloren gegangen und durch ein deutlich hochpreisigeres Angebot ersetzt worden.
Ein früheres Einzelzimmer ab 227 Euro steht heute Zimmerpreisen von bis zu 850 Euro gegenüber.
Mich würde deshalb interessieren, wie es zu diesem Verkauf kam, welche Bedingungen beim Verkauf vereinbart wurden und ob bei der Veräußerung berücksichtigt wurde, dass es sich um langjährig günstigen studentischen und teilweise familiengeeigneten Wohnraum handelte. Ebenso stellt sich aus meiner Sicht die Frage, ob öffentliche bzw. universitäre Immobilien in einer angespannten Wohnraumsituation ohne langfristige Sozial- oder Belegungsbindungen privatisiert werden sollten, und wie man mit einer Enteignung dieser Entwicklung gegenwirken könnte.