Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit - gut besuchte Veranstaltung in der Musa mit Leo Ensel
Passend zum Anti-Kriegstag fand in der Göttinger Musa die vom BSW Göttingen organisierte Veranstaltung und Lesung mit Dr. Leo Ensel (Oldenburg) statt. Unter dem provokanten Titel "Woke und Wehrhaft - der neue Sound der Kriegstüchtigkeit" brachte Leo Ensel viele Beispiele aus seinem neuen Buch "Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit", um zu zeigen, wie sehr die Sprache in Politik und Medien verroht, um die Menschen "kriegstüchtig" zu machen. Denn dafür ist es erforderlich, das Gegenüber nicht mehr als Mensch zu betrachten, sondern als Feind.
Ensel brachte viele Beispiele - z.B. die Dämonisierungen des russischen Präsidenten Putin, dem wahlweise unterstellt wird, ein "Raubtier", eine „Bestie“ ein "neuer Hitler", oder ein "Irrer" und Schlimmeres zu sein - niemals aber der Präsident der russischen Förderation oder ein rational denkender Politiker. Den Russen selbst wird zugeschrieben, "faul" zu sein, mit „mangelnder Bereitschaft, sich zu entwickeln“ (Landeszentrale für politische Bildung BaWü), außerdem aggressiv, in jedem Fall aber "nicht europäisch". Wie - so fragte Ensel - soll denn mit einem Präsidenten und dem Volk, das er vertritt, überhaupt noch verhandelt werden, wenn man bereits verbal so in die Ecke gedrängt wird? Oder ist das am Ende gar nicht mehr gewollt?
Ein weiteres Beispiel, das in den letzten Tagen immer wieder zu hören war: die "hybride Kriegsführung". Beim Drohnenvorfall am Leipziger Flughafen, zu dem die Bundesregierung nun offiziell Russland als Täter auserkoren hat (Beweise? Egal...) wurde ebenfalls von einem "hybriden" Angriff gesprochen. Dazu zitiert Ensel den ehemals ranghöchsten Militär der Bundeswehr und ehemaligen Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses, General a.D. Harald Kujat. Kujat stellt klar, dass der Begriff der „hybriden“ Kriegsführung im Militärjagon etwas völlig anderes ist als das, was die Medien und Politiker jeden Tag bemühen. In militärischer Kategorie ist es nämlich eine kriegerische Auseinandersetzung, die neben dem Krieg auf dem Schlachtfeld auch weitere Kategorien wie Cyberattacken, Desinformation etc. betrifft. Gäbe es tatsächlich hybride Angriffe im wahren Sinne des Wortes auf die Bundesrepublik, dann stünden sich Bundeswehrsoldaten und Russen bereits auf dem Schlachtfeld gegenüber, so Kujat. Kujat spricht hier von einer „Verwahrlosung der Sprache“.
Ensels Vortrag war voll mit Beispielen dieser Verwahrlosung. Bewusst falsch benutzte Begriffe, Wort-Neuschöpfungen, Diffamierungen… alle mit dem Ziel, Angst und Verunsicherung zu erzeugen, das Führen von Krieg gegen Russland wieder denkbar zu machen und die Menschen, die sich dagegen wenden, mundtot zu machen. „Putinknechte“, „unterkomplexe Breitbandpazifisten“ oder „der menschgewordene Hitler-Stalin-Pakt“ (CSU-Vorstandsmitglied Bernd Posselt über Sahra Wagenknecht).
Und im Kern geht es darum, ein Feindbild – „die Russen“ – immer weiter aufzubauen. Ensel zitiert den Philosophen Peter Sloterdijk, der in der FAZ vom „Glück“ schreibt. Zitat: „Europa erlebt derzeit, historisch gesehen, etwas, das einem Glück gleicht. Wir haben wieder Feinde – echte Feinde“. Und um aus Menschen Feinde zu machen, so Ensel, muss man auch dafür sorgen, dass diese Menschen sich nicht mehr begegnen, nicht mehr in die Augen schauen können. Genau dies tat parallel zur Veranstaltung die Bundesregierung, die nun im Zuge des „Drohnenvorfalls“ in Leipzig die Schließung russischer Kultureinrichtungen in Deutschland verfügte. Heute war dann in den Medien u.a. zu lesen: "Medwedew fantasiert wieder über direkte Angriffe auf Deutschland“. Auch das gehört zur Schaffung der Kriegstüchtigkeit: während deutsche oder europäische Politiker seriös „warnen“, „Grenzen ziehen“, „Reaktionen fordern“, wird die Aussage des ehemaligen russischen Präsidenten und heutigem stellvertretendem Leiters des russischen Sicherheitsrates – laut Wikipedia „ein Gremium hochrangiger Politiker Russlands zur gemeinsamen Entscheidungsfindung in Sachen Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ bagatellisiert, lächerlich gemacht und als „Fantasiererei“ abgetan. Der Mann fordert nichts anderes als Angriffe auf Waffenfabriken in der Bundesrepublik. Aber nein, das muss man natürlich nicht ernst nehmen.
Im letzten Teil seines Vortrags zeigte Ensel, wie sehr heute auch ehemals linke, grüne und woke Ideen und Begriffe umgedeutet und missbraucht werden für das Ziel, die Kriegstüchtigkeit der Bevölkerung auf gesamter gesellschaftlicher Breite herzustellen.
Zitat Ensel: „Woke und wehrhaft“ hat die postmoderne Truppe zu sein. „Wenn ich Streitkräfte habe, die in ihren Grundstrukturen die Diversität ihrer Gesellschaft widerspiegeln, sexuell, ethnisch, religiös, dann wissen die, was sie verteidigen.“ So der bereits erwähnte (ungediente) Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr, Carlo Masala, in einem Interview mit der Zeitschrift Internationale Politik im Juni 2023. In der Tat eine erstaunliche Entwicklung einer scharfen Truppe, für die noch vor wenigen Jahrzehnten Homosexualität ein – je nach persönlicher Einstellung bzw. Orientierung – begrüßenswerter oder bedauerlicher Ausschlussgrund war! Kein Wunder, dass nun die Bundeswehr ganz offiziell damit wirbt, „queerfeldein zu marschieren“ (Grund #03 von „70 verdammt guten Gründen, die Bundeswehr als Arbeitgeberin zu sehen“). Verlangt wird „mehr Sichtbarkeit“, die „woke und wehrhafte“ Armee soll endlich „in der Gesellschaft ankommen“. „Girls days“, die „erlebbar machen, was sonst oft nur von außen sichtbar ist“, werden nun von der Armee organisiert, denn „Uniform kennt kein Geschlecht!“
Alle Zitate, so Ensel, sind belegbar. Er muss sie nicht suchen, er muss nur sein Netz aufspannen, und sie verfangen sich von alleine darin.
Nach knapp 2 Stunden inklusive einer anregenden Diskussion unter den rd. 70 Teilnehmenden der Veranstaltung schloss Ensel mit der kämpferischen Aufforderung:
„Es gibt zu all dem nur eine Alternative: Angesichts der irrwitzigen Kriegsgefahr, der an Wahnsinn grenzenden Aufrüstung und einer völlig enthemmten Riege von Politikern und Journalisten, die uns alle, jeden Tag rasanter, fröhlich in Richtung Abgrund treiben, müssen wir es – gegen jede Wahrscheinlichkeit – doch noch schaffen, dass Alte und Junge, Friedensbewegte und Klimaschützer, Menschen aller Religionen zusammen mit Agnostikern und Atheisten, mit Ärzten, Juristen, aufsässigen Militärs, Lehrern, Gewerkschaftern, (Fach)-Arbeitern und Künstlern, die ‚woke Szene‘ nicht zu vergessen, dass wir alle das Friedensgebot des Grundgesetzes endlich beim Wort nehmen und nicht nur mit Wolfgang Borchert „NEIN!“ sagen, sondern – alle an ihrem Platz – den zivilen Ungehorsam wagen und knirschender Sand im Getriebe der Kriegsvorbereitung werden. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption! Nehmen wir uns dafür das heraus, was auch den ‚Sound‘ meines Vortrag heute Abend bestimmte: Friedensfrechheit!“